Über Alphörner und Zufälle

Über Alphörner und Zufälle

Berthold Schick ist ein musikalischer Tausendsassa: Musiker, Komponist, Verleger, Arrangeur und Dozent. Bereits im vergangenen Jahr leitete er im Musikzentrum Baden-Württemberg den Alphorn-Kurs für Fortgeschrittene „Gipfelstürmer“, der auch in diesem Jahr wieder stattfinden wird. Im Interview spricht er über seine Liebe zur Musik, wie er zum Alphorn gekommen ist, und wieso Zufälle für seine musikalische Laufbahn so entscheidend waren.

 

Herr Schick, Sie haben ein unglaublich breites musikalisches Spektrum und sind in vielen Genres Zuhause. Ist es wichtig, sich als Profi-Musiker in ganz vielen Bereichen aufzustellen oder sich zumindest auszuprobieren? 

Sich auszuprobieren, halte ich für sehr wichtig, da man dadurch seine Vorlieben kennenlernt. Für mich persönlich hat es sich gut und befriedigend angefühlt, in so unterschiedlichen Stilrichtungen und mit unterschiedlichen Formationen unterwegs zu sein. Ich glaube, dass jeder nach einer gewissen Bestätigung und Erfüllung in seinem Leben sucht und ich habe meine Erfüllung in der Abwechslung gefunden.

Ich erinnere mich gut an die Tourneen mit Ernst Mosch: Als Blasmusiker war das ein Lebens-Highlight, das kann man jetzt schon sagen, obwohl ich hoffentlich noch ein paar Berufsjahre vor mir habe. Diese Art von Musik auf konzertant hohem Niveau, vor so großen Zuschauerzahlen zu spielen, war ein ganz besonderes Erlebnis.

Nach 30 Tagen Tournee haben wir Musiker dann zwar oft gesagt, dass es an der Zeit ist, wieder etwas anderes zu spielen, aber ich glaube auch, dass die musikalische Qualität jedes Einzelnen, die dort mitgespielt haben, deshalb so hoch war, weil sie eben nebenher immer noch etwas anderes gemacht haben.

Ich werde auch oft gefragt: Was ist Ihr Lieblingsinstrument – Posaune, Tenorhorn oder Alphorn? Ich sage immer, dass ich das nicht beantworten kann, weil alle drei Instrumente den gleichen Stellenwert für mich haben. Und ich wäre sicherlich an der Posaune nicht so weit, wenn ich nicht noch Tenorhorn und Alphorn spielen würde. Und das gilt für alle drei Instrumente. Jedes Instrument hilft dem anderen, und so ist es auch mit den unterschiedlichen Musikrichtungen.

 

Sie haben es eben schon erwähnt und schreiben sogar in Ihrer Biografie, dass eine der prägendsten Stationen das gemeinsame Musizieren bei „Ernst Mosch und seine Original Egerländer Musikanten“ war. Wie hat Sie diese Station geprägt und was nehmen Sie davon heute noch mit?

Es gibt bis heute einige Dinge, die mich begleiten. Zum einen ist es immer ein großartiges Erlebnis mit bemerkenswerten Persönlichkeiten zusammenarbeiten zu können und zu dürfen. Ernst Mosch war sicherlich eine außergewöhnliche Persönlichkeit.

Was mich an seiner Arbeit bis zum heutigen Tag begeistert, ist seine Disziplin. Mit seinem Erfolg hätte er sicherlich Argumente gehabt, manches nicht mehr ganz so streng zu sehen. Aber er hat wirklich nichts verschenkt und so waren auch immer seine Worte: Es gibt nicht eine Note oder Pause zu verschenken. Manche nennen das vielleicht Perfektionismus, ich möchte es gar nicht so bezeichnen, denn Perfektionismus wird oft mit etwas Negativem verbunden. Er hat sich einer Sache immer zu 100 Prozent angenommen – bis zur letzten Zugabe, bis zum letzten Tag der Tournee. Wenn die Musik lief, dann gab es keine Ausreden und das hat er auch von jedem Musiker eingefordert. Bis zur letzten Note war die höchste Aufmerksamkeit und die höchste Leidenschaft gefragt.

 

Neben dem eigenen musikalischen Einsatz an den verschiedensten Instrumenten sind Sie auch als Arrangeur, Komponist und als Verleger Ihres Musikverlags „Novas Musikverlag“ in der Blasmusikszene bekannt. Für unseren Gipfelstürmer-Alphornkurs im letzten Jahr haben Sie auch ein eigenes Stück geschrieben. Was inspiriert Sie, neue Musikstücke zu komponieren?

Ich bin kein gelernter Komponist, sondern habe „nur“ ein normales Blechbläser-Studium absolviert. Aber gewisse Begegnungen, gewisse Momente oder Anlässe, inspirieren mich, etwas zu schreiben. Für den Gipfelstürmer-Kurs in Plochingen hat mich tatsächlich der Name inspiriert: Ich tue mich oft schwer mit der Namensgebung, aber hier dachte ich sofort: „Ein cooler Name“.

Bei Alphornkursen, die länger dauern, versuche ich immer eine neue Komposition mitzubringen – auch wenn niemand es von mir erwartet, außer ich selbst – und ab und zu passiert es, dass ich keine zündende Idee habe. Oft ist es dann so, dass ich am Tag vor dem Kurs mit meiner Frau oder meiner Tochter spazieren gehe und dort kommt die Inspiration. Meine Tochter ist ein sehr guter Einsager für mich: Ich frage sie, ob sie eine Idee hat und oft kommen dann Fragen wie: „Hast du schon mal einen Rock n Roll gemacht?“ – „Stimmt, habe ich noch nie gemacht!“. Das reicht oft schon. Und so sind beispielsweise der Alphorn Rock’n’Roll und der Cha-Cha-Cha und ganz viele andere Stücke entstanden.

 

Sie spielen nicht nur Posaune und Tenorhorn, sondern auch das Alphorn. Wie sind Sie zum Alphorn gekommen – und auch zu den anderen Instrumenten?

Meiner Erfahrung nach ist viel von Zufällen abhängig ist. Bei mir persönlich war es ein Zufall im Jahr 1976: Es war damals die Gepflogenheit, dass der örtliche Musikverein in Rot an der Rot alle vier Jahre im Gemeindeblatt für die Jugendausbildung geworben hat. Zur damaligen Zeit hat Siegfried Rundel, der inzwischen verstorbene Seniorchef vom Musikverlag Rundel, den Musikverein geleitet und dort für eine professionelle Ausbildung gesorgt. Wir waren der erste Jahrgang und bevor es mit dem Instrument losging, hatten wir erst ein dreiviertel Jahr Theorieunterricht. Im Nachhinein betrachtet, hat auch das wahrscheinlich zu dieser großen Liebe zu den Instrumenten geführt, weil man so lange auf die Folter gespannt wurde. Ursprünglich wäre ich übrigens nie Posaunist oder Baritonist geworden: Eigentlich war ich für die Tuba vorgesehen und da ich als Zehnjähriger noch nicht groß genug war für eine Tuba, habe ich mit Bariton im Bassschlüssel begonnen. Zwei Jahre später ging es mit dem Jugendorchester los, das Bariton-Register war allerdings schon voll und bei den Posaunen noch ein Platz frei und so bin ich durch Zufall Posaunist geworden.

Zum Alphorn bin ich ebenfalls durch einen Zufall gekommen: Als ich mit 16 Jahren angefangen habe, die Gegend mit dem Moped unsicher zu machen, hat ein Kumpel von einem Alphornbauer in der Gegend erzählt. Musikbegeistert wie wir waren, sind wir damals dort hingefahren, um uns das anzuschauen. Der Alphornbauer hat damals seinen Augen nicht getraut. Er hatte noch nie 16-jährige Kunden, die mit dem Moped kommen und hatte eine unglaubliche Freude dran, dass sich junge Leute dafür interessieren. Der Alphornbauer hatte damals einen Prototyp gebaut, den er nicht verkaufen konnte: Er hat versucht ein Alphorn zu beizen, statt es zu lackieren. Das hat furchtbar verbrannt ausgesehen. Ich habe es dann sehr günstig bekommen und damit hatte ich mein erstes eigenes Alphorn.

 

Ich habe das Gefühl, dass es immer mehr zum Trend wird, dass Blechbläser sich auch am Alphorn ausprobieren. Bringt das Alphorn-Spielen Vorteile für Blechbläser, zum Beispiel für den Ansatz oder die Atmung?

Auf jeden Fall. Bei vielen Hochschulprofessoren ist es üblich, dass ihre Studenten eine gewisse Zeit ein Naturtoninstrument spielen, weil sich der Widerstand anders anfühlt und man unheimlich davon profitiert. Beim hohen Blech sind es oft Fanfareninstrumente, beim tiefen Blech wird oft das Alphorn ausgepackt. Als ich an der Musikschule in Biberach von 1989 bis 2010 Posaune und Tenorhorn unterrichtet habe, haben wir diese Praxis zum Vorbild genommen und Alphörner zum Ausliehen angeschafft.

Interessant war, dass meinen Schülern – alle im Teenager-Alter – nach ein paar Wochen schnell langweilig war, weil man immer wieder die gleiche Literatur spielt. Das ist dann meinen Job als Pädagoge gewesen, das so interessant wie möglich zu gestalten. Und so entstanden die ersten Polka-Walzer-Marsch-Barock-Melodien fürs Alphorn. Man kann übrigens beobachten, dass es die Sache nicht bloß zum Proben kurzweilig macht, sondern auch fürs Publikum bei Auftritten. Es ist wirklich interessant: Es gibt kein Instrument dieser Welt, das mehr Aufmerksamkeit erregt als das Alphorn. Wenn man mit dem Alphorn irgendwo aufmarschiert, werden die Fotoapparate gezückt. Aber es gibt auch kein Instrument, wo das Interesse des Publikums schneller nachlässt. Man spielt das dritte Stück und auf einmal hört niemand mehr zu. Aber wenn beim dritten Stück auf einmal etwas völlig Überraschendes kommt, wie AIDA von Verdi zum Beispiel, dann behalten die Alphornbläser die Aufmerksamkeit. Das Alphorn verfügt nur über ein paar Naturtöne, die Klangfarbe ist immer dieselbe. Das klingt zugegebenermaßen oft nicht besonders abwechslungsreich für jemanden, der kein Alphorn-Insider ist. Und hier hilft die abwechselnde Literatur, mehr Aufmerksamkeit vom Publikum zu bekommen.

 

Die Aufmerksamkeit für das Instrument, die Auswahl an Literatur und auch die Zahl der Musikerinnen und Musiker, die mit dem Alphorn beginnen, ist in den letzten 20 Jahren deutlich gewachsen, so ist mein Eindruck. Es hat sich sehr viel getan.

Die Aufmerksamkeit ist deutlich größer geworden. Ich begleite die Szene seit knapp 30 Jahren und ich muss meinen Blechbläsern leider immer wieder sagen, dass die Alphorn-Spieler hin und wieder fleißiger sind. Das hat damit zu tun, dass wir am Alphorn überwiegend Menschen antreffen, die vom Lebensabschnitt schon in ruhigeren Gewässern sind. Nicht mehr im Studium oder in der Familiengründung, sondern genau danach. Die Kinder sind aus dem Haus und man hat wieder mehr Zeit. Oft sind es Wiedereinsteiger, die sich nicht mehr an die Trompete oder an das Tenorhorn trauen – aber beim Alphorn kann man sich nicht vergreifen, es gibt keine Ventile. Die Leute, die mit dem Alphorn beginnen, haben oft viel Zeit zur Verfügung, die sie nun mit ihrem Hobby bestreiten möchten. Viele Bläser im Musikverein, Bläser im Posaunenchor, Leute, die einen Wiedereinstieg suchen, findet man inzwischen am Alphorn. Und glücklicherweise gibt es inzwischen auch die Musikakademien, die Kurse anbieten und die auf den Zug aufgesprungen sind.

 

Sie sind sehr viel als Dozent unterwegs. Was ist Ihre Motivation, Ihr Wissen weiterzugeben und nicht einfach „nur“ Musiker und Komponist zu sein?

Ich hatte als Zehnjähriger den Sechser im Lotto, dass mich jemand von der Sache Musik so begeistert hat, dass es zu meinem Beruf geworden ist. Und diese Begeisterung und Freude von mir möchte ich zurückgeben, weil ich der Überzeugung bin, dass jeder Mensch auf dieser Welt eine Bestimmung hat. Leider finden sie nicht alle und man muss sich, wie anfangs gesagt, ein bisschen ausprobieren, um die Chance zu bekommen, das zu finden, für das man wirklich brennt. Das versuche ich weiterzugeben. Die Leute freuen sich und sind oft dankbar, dass sich jemand der Sache annimmt und versucht, ihnen zu helfen. Mir haben auch viele Leute geholfen: Ich hatte gute Lehrer und durfte viele Erfahrungen sammeln. All das hat mich vorwärtsgebracht und das gebe ich gerne weiter.

 

Interview: Kristin Häring

Alphornkurs mit Berthold Schick am 8. Mai 2022:

Erklimmen Sie den (Alphorn-)Gipfel! Im Alphornkurs für Fortgeschrittene können Sie bei Berthold Schick Ihre Kenntnisse weiterentwickeln, sich Ausprobieren und gemeinsam mit anderen Teilnehmern musizieren. Der Kurs endet mit einem internen Abschlusskonzert.

Inhalte:

  • Klangschulung
  • Interpretation
  • Literatur zum Gemeinschaftsspiel

Anmeldung: https://www.musikzentrum-bw.de/event/veranstaltung/alphornblaesertag-gipfelstuermer-2022/

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