„Musik hält jung“

„Musik hält jung“

Die höhere Lebenserwartung und der demographische Wandel haben ein neues gesellschaftliches Bewusstsein für Lebensqualität im Alter geweckt. Auch im kulturellen Bereich gibt es inzwischen eine verstärkte Auseinandersetzung mit dieser Thematik – an Hochschulen im Bereich der Lehre und Forschung, aber auch ganz praktisch im Vereinsleben. In den letzten Jahren ist die Zahl der Seniorenorchester angewachsen und ein fester Bestandteil im Musikleben geworden. Auch im Rahmen des Akademieprogramms bekommen die Seniorenorchester mit den „Tagen der Seniorenmusik“ eine Plattform zum Austausch, zur Weiterbildung und zum Musizieren.  Mit Ernst Oestreicher, dem musikalischen Leiter der Seniorenwoche, haben wir im Vorfeld über die Arbeit mit Seniorenorchester und das Programm „Zeitenwende“ gesprochen, und warum Musik fit hält.

 

Sie haben 1988 das Jugendblasorchester des Nordbayerischen Musikbundes gegründet und auch in Ihrer Funktion als Leiter der Berufsfachschule für Musik Bad Königshofen viel mit jungen Menschen gearbeitet. Im Musikzentrum dirigieren Sie nun eine Woche lang ein Seniorenorchester. Wie unterscheidet sich die musikalische Arbeit von Senioren- und Jugendorchestern?

Die Arbeit mit Jugendlichen hat mich von Beginn meiner beruflichen Laufbahn an begleitet. Schon 1976 habe ich in Unterpleichfeld eine vereinseigene Musikschule gegründet und mit dem Jugendblasorchester und dem späteren Symphonischen Blasorchester große Erfolge erringen können. Ebenso später dann in Volkach mit dem dortigen Symphonischen Blasorchester. Und natürlich das erwähnte Nordbayerische Jugendblasorchester, das ebenfalls eine Gründung von mir war. Die Arbeit mit Jugendlichen hat mein musikalisches Schaffen also mehr als 45 Jahren begleitet. Ich bin so quasi auch ein Senior geworden, umso spannender ist es nun, auch mit Seniorinnen und Senioren zu arbeiten.

Die Jugendlichen stehen meist noch in einer Ausbildung, sind technisch sehr fit und fassen sehr schnell auf. Die Senioren haben dafür eine langjährige Erfahrung, üben aber nicht mehr so intensiv und haben teilweise festgefahrene musikalische Vorstellungen, die es aufzubrechen gilt. Natürlich ist auch die „Kondition“ nicht mehr so wie früher. Wir haben mit den Jugendlichen teilweise mehr als 8 Stunden am Tag geprobt und sie wurden nicht müde! Das werde ich den Seniorinnen und Senioren wohl nicht zumuten können. Natürlich werden wir langsamer arbeiten müssen, aber dafür mit einer hohen Konzentration und musikalischem Tiefgang.

 

Das Programm für unsere „Tage der Seniorenmusik“ trägt den Titel „Zeitenwende“. Wieso haben Sie sich für diesen Titel und dieses Programm entschieden?

 Als ich Heiko Schulze, dem Direktor für Musik und Bildung, Mitte Januar den Programmvorschlag eingereicht habe, konnte noch niemand ahnen, dass der Begriff „Zeitenwende“ eine völlig neue Dimension erhalten würde. Ich dachte an Zeitenwende vom aktiven Musiker zum Ruheständler, aber auch an Zeitenwende in der Wahl des Programms: Stücke aus unserer „Jugend“ und Kompositionen aus der heutigen Zeit von jüngeren Komponisten.  Diese Gegenüberstellung ist sehr spannend, zeigt sie doch die Entwicklung unserer Blasorchesterliteratur. Und Kurt Gäble hat mir mit seiner in den neunziger Jahren äußerst populären Komposition „Zeitenwende“ natürlich das Stichwort für den Programmtitel gegeben. Es waren damals die ersten Werke von deutschsprachigen Komponisten, die aus dem Schatten der holländischen und belgischen Komponisten traten. Die 80iger Jahre waren ja nun auch für die gesamte Entwicklung der Blasorchester eine Zeitenwende. Für mich persönlich war dies 1987 beim 1. Internationen Europäischen Seminar für Dirigenten in Trossingen, bei welchem der damalige Inspizient der Bundeswehr Oberst Lucácsy „Moment for Morricone“ einstudierte und dirigierte. Das Programm soll aber auch die verschiedenen Stile und Gattungen widerspiegeln, so der traditionelle Marsch, die böhmisch-mährische Tradition, die Filmmusik, die Programmmusik und natürlich auch die Bearbeitung deutscher Popmusik und da verneige ich mich besonders vor Udo Jürgens, einem unvergesslichen Musiker.

 

Wenn man sich James Last, Max Greger, Hugo Strasser oder auch Ernst Mosch anschaut, könnte man denken, dass Musik ein Jungbrunnen ist. Alle standen bis ins hohe Alter hinein auf der Bühne. Hilft Musik in Ihren Augen, um im Alter fit zu bleiben?

Vorsicht, viele Komponisten in der Vergangenheit sind sehr früh gestorben. Aber Sie haben natürlich Rech: Es gibt eine Reihe von Musikern, vor allem Bandleader und Solisten, die bis ins hohe Alter auf der Bühne zu sehen sind. Musik hält jung, weil hier alle Sinne in Anspruch genommen werden. Das ist ähnlich wie die Notwendigkeit, im Alter Sport zu treiben.  „Mens sana in corpore sano“: Die Musik sorgt für die geistige Beweglichkeit und natürlich auch die sozialen Kontakte, die im Seniorenorchester gepflegt werden. Das ist enorm wichtig für uns.

 

Die Corona-Pandemie hat die Musik-Szene schwer getroffen, viele Orchester konnten monatelang kaum proben. Besonders die Seniorinnen und Senioren als Risikogruppe mussten in der Hochphase der Pandemie besonders vorsichtig sein. Wie schätzen Sie den Wiedereinstieg für Seniorenorchester ein? Wird der Probenbeginn für Seniorinnen und Senioren besonders schwer und kann eine Veranstaltung wie die Tage der Seniorenmusik vielleicht dazu beitragen, Seniorinnen und Senioren wieder für die Blasmusik zu motivieren?

Die Senioren und Seniorinnen muss man, anders als vielleicht bei Kindern und Jugendlichen, nicht für die Blasmusik motivieren, das sind sie! Aber wir müssen ihnen Möglichkeiten geben, sich wieder zu treffen. Dazu sind die Tage der Seniorenmusik in Plochingen ein ganz wichtiger Ansatz. Bei vielen gibt es ja vor Ort gar kein funktionierendes Seniorenensemble und durch Corona ist dies meist dann auch noch zum Erliegen gekommen. Jetzt gilt es, nach den Sommerferien das Instrument hervorzuholen, die Ventile zu ölen und dann langsam nach und nach wieder in die Überoutine zu kommen, die vielleicht auch wegen Corona zum Erliegen gekommen ist. Das hilft dem gesamten Atemapparat und damit dem körperlichen Wohlbefinden. Und die Aussicht auf eine Woche unter Kollegen und Kolleginnen spornt umso mehr an.

 

Sie selbst sind im Februar 2021 an der Berufsfachschule für Musik Bad Königshofen als Schulleiter in den Ruhestand eingetreten. Ihre zahlreichen Ehrenämter wie zum Beispiel das Amt des Vizepräsidenten bei der BDMV oder Ihre Lehrtätigkeit an der Musikhochschule Würzburg führen Sie weiterhin aus. Von „Ruhestand“ kann bei Ihnen eigentlich keine Rede sein. Welche musikalischen Projekte sind bei Ihnen in naher Zukunft noch geplant? Gibt es ein Highlight oder eine Veranstaltung, auf die Sie nach der Corona-Pandemie besonders hin fiebern? 

Für mich war immer klar, dass Ruhestand nicht heißen kann, gar nichts mehr zu tun. Ich wollte nicht in das berühmte „Loch“ fallen, sondern weiterhin aktiv bleiben. Das ist mir gelungen, ja mittlerweile habe ich mit Hochschule und Ehrenämtern fast schon wieder einen Terminplan wie in meiner beruflichen Zeit.  Corona hat mir allerdings wie vielen anderen Kolleginnen und Kollegen die aktive künstlerische Tätigkeit komplett für zwei Jahre genommen. Deshalb freue ich mich, dass ich im Sommer ein Programm mit dem Titel „Operettenzauber“ in Mellrichstadt auf dem Marktplatz dirigieren darf (mit Chor und Sinfonieorchester!) und natürlich im November dann das Seniorenprojekt in Plochingen. Gerne werde ich auch zukünftig noch Gastdirigate übernehmen, wenn man mich dafür haben möchte. Die Übernahme eines regelmäßig probenden Amateurorchester schließe ich allerdings aus. Das würde mich zu sehr in meiner Freiheit als Ruheständler einschränken. Meine Ehrenämter werden ich in den nächsten Jahren dann auch peu á peu aufgeben, sozusagen ein gleitender Übergang. Auch in der Hochschule werde ich in einigen Jahren aufhören müssen. So ist der Lauf des Lebens und mein Lebensmotto war immer, dann aufzuhören, wenn man mich gerne noch gehabt hätte und nicht erst, wenn man froh wäre, wenn ich gehen würde.

 

Interview: Kristin Häring

 

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